Puff-Poeten, Huren und Hotel-Gäste verlieren ihre Heimat im bekanntesten Häuserensemble Frankfurts. Von Ludwig Fienhold

Frankfurt verliert so langsam seine Wahrzeichen. Der legendäre Henninger-Turm wurde gerade abgerissen, das Sudfass-Ensemble mit vier Häusern aus Bordell und Hotel, das man auf der ganzen Welt als „Reise-Attraktion“ kennt, fällt dem Trieb der Stadt nach neuen kalten Bauten ebenfalls zum Opfer – die in der Nähe haushoch ihre Überlegenheit demonstrierende und noch in diesem Jahr bezugsfertige Europäische Zentralbank (EZB) macht aus dem ehemals schnöden Trucker- und Puff-Gelände zwischen Oskar-von-Miller-Straße und Hanauer Landstraße ein lukratives Territorium. Frankfurt, Bankfurt. Die Würfel im Monopoly-Spiel sind gefallen. Gleich zwei  Gebäude von historischer Bedeutung sind nur noch Bauklötzchen im Bewusstsein der Stadt: Die ehemalige Großmarkthalle, wo jetzt der mächtige Bankenturm glitzert, hat ebenso weichen müssen wie das Sudfassgelände, auf dem Eigentumswohnungen und Apartments entstehen, die dann bevorzugt von den nahe arbeitenden Bankern genutzt werden.

Das Ende einer Ära

Das älteste Gewerbe der Welt muss Eigentumswohnungen weichen.
Das älteste Gewerbe der Welt muss Eigentumswohnungen weichen.
Das Sudfass und das angrenzende Hotel mit dem wundersamen Lokal West-östlicher Divan sind Geschichte. Aber eine, die Romane füllen könnte. Das bunte Ensemble und seine vier Meter hohen gespreizten Frauenbeine in knallroten High Heels als Eingangstür waren ein heiteres Entree. An die gleiche Stelle rückt nun bald ein dunkler grober Klotz, wie er nicht stärker im Gegensatz dazu stehen könnte. Dieter Engel, Goetheliebhaber, Kunstsammler und ehemaliger Besitzer des Bordellbetriebs, hat die vier Häuser mitsamt dem berühmten Sudfass für zehn Millionen Euro verkauft. Mit bald 80 Jahren hat er sich zwar auch von einer Last befreit, ob der Abschied aber so ganz unsentimental abging, wie er glauben machen möchte, ist nicht anzunehmen. Bei einem letzten Rundgang durch seine Häuserreihe wirkte Engel nicht unbedingt glücklich, mag ihm der Verlust eines wesentlichen und sichtbaren Teils seiner persönlichen Biografie auch noch so viel finanziellen Gewinn gebracht haben. 1974 hatte Engel das Sudfass eröffnet, als ersten exklusiven erotischen „Wellness-Club“ mit Sauna und riesiger übersprudelnder Penis-Fontäne als Begrüßung. Betten in Herzform, schwülstige Liebesgrotten, üppige Deckengemälde und eine Überdosis an Dekoration, die alles wie Weihnachten und Silvester zugleich erscheinen ließ, boten in dieser Zeit vielen einen fantasievollen Ausflug in eine andere Welt. Die Gäste – den Begriff Freier gab es hier nicht – mussten einen Bademantel tragen, wenn sie an einer der Bars Platz nehmen wollten. Den vielen Fußballspielern, die hier stark am Ball waren, schien dieser ein nur allzu vertrauter Dress, der gut zu ihren gestreiften Adiletten passte. Im Sudfass war man wirklich intim, Paparazzi gab es nicht, die meisten Prominenten blieben unerkannt. Selbst bei großen Partys wurden kaum Spuren in Form von Bildern hinterlassen, was beim heutigen diskreten Einsatz von Handys nicht mehr möglich wäre.

Liebes-Tempel mit Beichtstuhl

Das Sudfass ist ein deutsches Sittengemälde. Es gab dort nicht nur verschnörkelte Liebes-Tempel und Domina-Folterzimmer, sondern auch eine Kapelle mit Beichtstuhl. Für Dieter Engel, der im Schatten des Kölner Doms aufwuchs, war dies eine Parodie auf die Scheinheiligkeit. Für seine Mädels war er vielleicht auch ein Schutzengel. Kein Zuhälter, nur ein Bordellbetreiber und Geschäftsmann, der seine Mitarbeiterinnen fair behandelte. Engel sah das Sudfass als multikulturellen Ort, an dem sich Huren und Freier wohl fühlten. Die international besetzte Damentruppe stieß auf Männer aus aller Welt. Unterm Strich hatten wohl beide eine gute Zeit.

Stars und Sternchen

Frivoles Bild aus der Venusberg Bar
Frivoles Bild aus der Venusberg Bar
Im Hinterhof parkten Stoßstange an Stoßstange Ferrari, Porsche und Lamborghini. Viele Besucher wollten aber gar nicht auffallen und ließen sich mit dem Taxi vorfahren. Prominente Bordellgäste gab es ohne Ende, auch Politiker und Wirtschaftsbosse, so wie schon seinerzeit bei Rosemarie Nittribit. Konzertveranstalter hatten mit ihren Stars in Frankfurt vor allem zwei Ziele: Mamuschkas Kellerlokal Scarlet Pimpernel in der Krögerstraße am Eschenheimer Turm und das Sudfass. Im Sudfass gab es ja nichts zu essen, weshalb sich eine Stärkung zuvor anbot. Wenn man den ziemlich glaubwürdigen Aussagen von Zeitzeugen glauben will, so waren auch Countrysänger-Legende Johnny Cash und Filmregisseur Oliver Stone Gäste im Sudfass. Die Musiker Falco, Wolfgang Ambros und Drafi Deutscher sollen von den Mitarbeiterinnen teilweise in höchsten Tönen gelobt worden sein. Gunter Göring, Schriftsteller, Kunstbuchverleger und im Nebenberuf auch noch Flugkapitän, ging gern ins Sudfass. Aber nur zum Bier trinken, Freundinnen hatte er genug. Bei Kölsch vom Fass plauderte er mit den Bardamen, völlig absichtslos und nur, um eine nette Begleitung für seine Getränke zu haben. So nebenbei erfuhr er Geschichten aus dem Leben, die er in seinen Büchern verarbeitete. Damals gab es dort noch keine Flatscreens; was es Wichtiges zu sehen gab, stand hinter der Bar oder stöckelte durchs Haus. Der Eintritt kostete 40 Mark, Kaffee und Wasser inklusive. Wer mehr wollte, musste noch einmal 100 Mark zahlen. Das Haus war stets bumsvoll, im Treppenhaus gab’s ein ewiges Auf und Ab. Nicht selten schlug das Geschehen in Partystimmung über.

Keine Chance für Aufmüpfige

Es gab natürlich nicht nur nette Gäste im Sudfass, doch unterschied sich dieses Etablissement ganz deutlich von denen im klassischen Rotlichtmilieu. Während im Bahnhof mit harten Bandagen gekämpft wurde, genügte hier oft der strenge Blick von Frau Baldorf am Eingang, um Aufmüpfige einzuschüchtern. Nur zu Messezeiten bekam sie Unterstützung durch einige Helfer mit breitem Kreuz. Auch von Razzien ließ sie sich nicht beeindrucken, das gehörte zum Geschäft. Doch einmal stürmten sehr viele Beamte durchs Sudfass und ergriffen zwei besonders schwere Jungs: Ein Metzger und sein Komplize hatten erst kurz zuvor eine Million Mark Lösegeld ergaunert, das sie für die Freilassung des entführten Theo Gutberlet bezahlt bekamen, dem Gründer der Supermarktkette Tegut. Ein Großteil des Geldes lag noch im Sudfass-Gästespind.

Ein geschätzter Puffvater

Frau Baldorf als Puffmutter zu bezeichnen, wäre dennoch nicht ganz korrekt, denn sie stand lediglich hinter einer merkwürdig abwehrenden und doch nicht schutzsicheren Vergitterung am Einlass und der Kasse, dem Schaltzentrum des Hauses. Puffmutter war im Grunde Puffvater Dieter Engel, der ohne Knarre und Karate auskam und schlicht respektiert wurde: als ideenreicher Geschäftsmann, kundiger Sammler erotischer Kunst und eigenwilliger unverstellter Charakter. Geschätzt wurde Engel nicht nur von den Jungs und Mädels aus dem Milieu, sondern auch von Künstlern und Schriftstellern, die er ebenfalls auf seine Weise förderte. Vor der von ihm gegründeten Romanfabrik gab es keinen Treffpunkt für diese, verteilten sie sich auf Kneipen in Sachsenhausen und im Nordend. Das offizielle Frankfurt zeigte dagegen wenig Bewunderung für Engel. Immerhin kam der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann 1985 zur Eröffnung der Romanfabrik, die Dieter Engel gemeinsam mit dem gerade aus dem Gefängnis entlassenen Peter Zingler in der Nähe vom Sudfass in der Uhlandstraße etablierte und damit vielen irrlichternden und auch gestrauchelten Autoren eine Plattform und mehr noch eine Heimat bot. Dieter Engel gehörte zwar das abgewrackte Haus, doch als literarischen Verwalter setzte er Peter Zingler ein, der beruflich vom Einbrecher zum Schriftsteller wechselte. Die Romanfabrik gewährte ihm gewissermaßen Schutzhaft.

Rotlicht im Kopf

Peter Zingler in der Venusberg Bar
Peter Zingler in der Venusberg Bar
Der 70 Jahre alte Peter Zingler, inzwischen längst erfolgreicher Romancier, Drehbuch-Autor und Grimme-Preisträger, war Stammgast im Sudfass und hat dort viele Jahre „herumgetobt“. Seine Erlebnisse hat er in einem anekdotenreichen Buch festgehalten: „Rotlicht im Kopf: Das Sudfass. Das berühmteste Bordell der Welt“. Die Band The Who, so weiß er, durfte 1978 nicht herein, weil sie zu abgerissen aussah. Die Sanitärmesse, auch Interklo genannt, hatte neben der Automobilausstellung den meisten Zulauf. Bei der Buchmesse war dagegen wenig los. Die Schriftsteller, meint Zingler, hätten lieber gesoffen. Oft nebenan im West-östlichen Divan. Dieses ungewöhnliche Lokal im barocken Schick der schon damals antiquierten achtziger Jahre mit erotischen Bildern an der Kassettendecke war jahrelang ein Treff von Künstlern und Nachteulen mit Hang zum Milieu. Es gab deftiges Essen, doch meist wurde Bier und mäßiger Wein getrunken. Offenbar nicht genug. Das Lokal lief eher schlecht, die Besitzer wechselten häufig. Auch dann noch, als Literaturlesungen, Cabaret und Erotikshows für Aufmunterung sorgten. Die unterhaltsame und wunderbar eigenwillige Location wäre heute ein Anziehungspunkt, kam aber zu seiner Zeit einfach zu früh.

Betten sind das Wichtigste

Das Sudfass-Ensemble
Das Sudfass-Ensemble
Der vielleicht interessanteste und ganz bestimmt unbekanntere Teil des Sudfass-Ensembles waren der West-östliche Divan und das Hotel darüber. Sie hatten jenen leicht welken und doch die Fantasie erfrischenden Bohemian-Look, wie man ihn etwa vom Chelsea-Hotel in New York kannte. Und es war tatsächlich ein Hotel und ein Stundenhaus. Das Bordell nebenan ließ aber viele glauben, alles hier wäre von schlüpfriger Art. So ist das leider, wenn man nicht hinter die Kulissen schaut. Das Zimmer 1 im dritten Stock, das sonst nur an Langzeitgäste vermietet wurde, diente viele Jahre Dieter Engel und seiner Freundin als Nebenwohnung. Im rot-weiß gekachelten Badezimmer sah es aus, als würden die Sex Pistols aus dem Haartrockner tönen. Die drei Betten in drei Zimmern hätten manche gewiss wieder gedanklich in die falsche Richtung gelenkt, doch Betten sind nun einmal das Wichtigste, auch in einem richtigen Hotel. Die verglaste Loggia war ein Kuriosum und bestand nur aus einem großen Bett und einer ungetrübten Aussicht über den Main hinweg zur Sachsenhäuser Seite mit dem markanten Hotel Main Plaza als Blickpunkt. Man konnte mit dem Auge das ganze Mainufer entlangwandern, bis zum Eisernen Steg und weiter. Und dachte vor allem eins: Warum haben wir hier nie Silvester gefeiert?

Kunst im Puff

Was aber weit weniger in der Öffentlichkeit bekannt war, hing an den Wänden: im ganzen Haus, auf allen Fluren, in allen Zimmern Originale des erotomanischen Künstlers Egon Schiele. Bilder von großem Wert. Hotelbesitzer und Kunstsammler Dieter Engel zuckte mit den Schultern und meinte, dass er sonst keinen Platz dafür hätte. Allein diese außergewöhnlichen Gemälde und Zeichnungen machten das Hotel zu einer fast snobistischen Galerie. Die Kunstsammlung ist längst in Sicherheit gebracht worden. Aber auch sonst plakatierte der Hausherr seinen Hang zu Objekten auffälliger Art: Glasmalereien und Zeichnungen mit ihm und Goethe, Reliefs, Figuren, Gaslichtlaternen, Edelnippes und ein Treppenhaus wie aus den Hinterhöfen vom Montmartre im Paris des 19. Jahrhunderts. Hätte es im West-östlichen Divan einen Hauskünstler gegeben, wäre es ein Henri Toulouse-Lautrec gewesen. Es gab aber ebenso pufferprobte Autoren, wie Peter Zingler und Peter „Hamlet“ Kuper, die hier ihre Heimat hatten. In vielen Reiseführern in Asien und Amerika waren das Hotel und das benachbarte Sudfass bekannt genug, um als Empfehlung genannt zu werden. In Japan, China, Korea und den USA ist das Sudfass ein noch immer fast ebenso klingender Name wie das Goethehaus. Auch bei denen, die es nicht durch die Tür geschafft haben. In deutschen Reiseführern, die lieber prüde ausfallen, fand das ungewöhnliche Haus keinen Einzug.

Das Sechs-Minuten-Ei danach

Der Eingang des Sudfass
Der Eingang des Sudfass
In den letzten sechs Jahren war der West-östliche Divan nur noch Frühstücksraum für die Gäste der Hotel Central heißenden Herberge, deren trübe Augen im Februar für immer schlossen. Die immer noch Lebenslust verheißende Theke mitsamt ihrer Champagnerflaschen in Übergröße, die Theatergalerie mit Podest für tanzende und wippende Schaustellerinnen in luftigen Kostümen, der ganze schöne Flohmarkt war mit all seinen Geschichten bis gestern greifbar. Für einige Langfinger zu leicht, denn manche Sammlerstücke wurden abmontiert und mitgenommen. Wo einst das Nachtleben toste, herrschte nur noch schlichte Frühstücksstimmung. Die liebenswürdigen Hotelbetreiber, Ko und Lee Hold aus Südkorea, führten das Hotel noch, als die gewerbliche Zunft nebenan längst Adieu sagen musste. Im Hotel herrschte keine Abbruchstimmung, aber eine gewisse Sentimentalität. Die meisten Gäste waren hier über viele Jahre zu Hause, ein Großteil davon Messebauer und Arbeiter der nahen EZB. Auch der eine oder andere Künstler hielt noch Einzug. Das Einzelzimmer kostete 38 Euro, bei Messen mindestens 169 Euro. Frühstück gab’s für 4,90 Euro, inklusive Sechs-Minuten-Ei und frischen Brötchen.

Venusberg Bar

Die erotischen Lesungen, die einst im West-östlichen Divan stattfanden, kann man noch im nahen Erotik-Museum von Dieter Engel, dem Venusberg in der Uhlandstraße 21, erleben. Dieser meist im mystischen Nebel und Zigarrenwolken wabernde Raum und seine anregenden Sammlerstücke werden von zwei älteren Bardamen verwaltet, die sich über ein gemeinsames Glas Wein freuen. Früher, als der Keller noch Romanfabrik hieß, hausten dort die Wildesten unter Frankfurts Schriftstellern. Aber auch damals regierten in der Stadt nicht die klugen Köpfe, sondern die Abrissbirnen.