Das eigene Motorboot direkt vor der Haustür – davon hat wohl schon jeder mal geträumt. Doch was macht die Faszination eigentlich aus? Wir haben Bootseigner am hessischen Rhein an Bord ihrer schwimmenden Schmuckstücke gefragt. Einblicke in eine Welt, in der absolute Freiheit und Heimatverbundenheit wunderbar miteinander harmonieren. Von Kitti Pohl und Holger Peters (Fotos)
Inhalt
Du kommst von der Arbeit, aus der Stadt – und schwupps, hast du Gardasee-Feeling!“ Wenn man Jürgen Heil fragt, was für ihn der Reiz seines Motorbootes ausmacht, kommt die Antwort in Millisekunden: „Ein Liegeplatz im Rhein bedeutet Urlaub. Auch wenn ich erst um 17 Uhr ankomme, fühlt sich der ganze Tag wie ein Urlaubstag an.“ Pause. „Und ich bin nicht nach Mallorca geflogen, sondern einfach nur eine Viertelstunde zum Hafen gefahren.“
„Ein Motorboot auf dem Rhein ist viel besser als in Urlaub fahren. Man muss ja noch nicht mal packen – geschweige denn überhaupt Urlaub nehmen.“ – Jürgen Heil, Marina-Betreiber
Heil ist einer von Hunderten Bootsbesitzern, die sich den Traum vom eigenen Boot im hessischen Rheinabschnitt erfüllt haben. Für ihn besteht kein Zweifel: „Ein Motorboot auf dem Rhein ist viel besser als in Urlaub fahren. Man muss ja noch nicht mal packen –geschweige denn überhaupt Urlaub nehmen.“ Seine Luna, eine Yacht der schwedischen Marke Nimbus im schlichten skandinavischen Design, ist 13 Meter lang, sechs Leute können bequem darauf übernachten. Es gibt eine Küche, drei Schlafkabinen, zwei Toiletten, eine Dusche und sogar eine Waschmaschine, die Heil vom Vorbesitzer übernommen, aber noch nie benutzt hat. Die Kühlbox unterm Teakholzdeck hingegen ist in Dauerbetrieb: Ob Wasser, O-Saft, Sekt, Wein oder Champagner – eisgekühlt schmeckt es an Bord am besten.

Baywatch am Rhein
„Wir haben schon viele Partys auf der Luna gefeiert,“ lacht Heil, der mit seinem Freund Hilmar Willers die privaten Rhein-Nautic-Steganlagen in Schierstein, Rüdesheim und Amöneburg betreibt. Seine vier Twen- und Teenager-Töchter können sich keine coolere Partylocation als die Luna vorstellen, die fest zur Familie gehört: „Letztes Jahr haben wir mit Freunden eine Baywatch-Party steigen lassen, in roten Badeanzügen und Badehosen“, lacht Tochter Theresa, die von allen nur Resi genannt wird. Opa Karl, der auf die 90 zugeht, genießt die Geselligkeit an Bord gerne beim Gläschen Wein.

Wenig Fahren, viel Werkeln
Man kennt sich im Schiersteiner Hafen, grüßt sich von Steg zu Deck zu Deck zu Steg und besucht sich natürlich auch gegenseitig an Bord. Mit dem weit verbreiteten Vorurteil, ein Boot sei nur ein „absolutes Millionärsding, von wegen Heli, St. Tropez und so“, möchte Jürgen Heil gerne aufräumen: „Wir sind kein elitärer Club. Die meisten sind ganz normale Leute, die hier ankern, am Boot rumputzen und renovieren, Kaffee trinken und in der Sonne liegen.“
Ganz stolz ist er auf den rustikalen, großen Holztisch mit Bänken und Sonnensegel, den er mit seinem Marina-Kompagnon Hilmar in den letzten Wochen auf einem Betonpier mitten im Hafenbecken gebaut hat, als Treffpunkt für Mitglieder und Gäste: „Hier kann man zusammensitzen, grillen, den schönen Tag genießen. Wir haben Spaß an unserer Anlage und geben uns große Mühe, alles immer noch ein bisschen schöner zu machen.“ Tatsächlich nämlich liegt das Boot meistens im Hafen. „Die Zeit, die man rumfährt, ist relativ gering. Eine halbe Stunde täglich, wenn überhaupt“, sagt Heil. Viel Werkeln, wenig Fahren, lautet der Bord-Alltag der meisten Bootsbesitzer. Ein eigenes Boot, das ist ein Lebensgefühl – und eine Lebensaufgabe. Denn zu tun gibt’s grundsätzlich immer was.

Zweites Zuhause
Patrick Ketzer, Chef vom Weingut Eibinger Zehnthof, kann ein Lied davon singen. Seine „Old Lady“ ist 12 Meter lang, hat 105 PS. Für ihn, seine Frau Kathrin und die Kinder Emilia und Matteo ist das „Super van Craft“-Boot der holländischen KV-Werft ihr zweites Zuhause. Die Familie unternimmt Touren auf Lahn und Mosel, sie ankerten auch schon mal drei Wochen in den Sommerferien im Frankfurter Westhafen. Dazwischen aber ist das Boot vor allem eines: Arbeit. „Man legt den Pinsel praktisch nie aus der Hand“, seufzt der Winzer.
Die Motoryacht aus Teak, Mahagoni und Stahl muss permanent gepflegt, renoviert und ausgebessert werden. „Wenn ich Schreiner, Maler oder Lackierer wäre, hätte ich keinen Bock auf das Boot“, gibt der Weingutsbesitzer zu. „Da ich die Zeit darauf aber als Freizeit empfinde, macht mir das permanente Werkeln und Wurschteln Spaß. Die Arbeit ist auch sehr dankbar: Bei allem, was du machst, siehst du, wie dein Boot schöner wird.“

Natur-Idyll Aue
Zeit mit der Familie oder Freunden verbringen, in der Natur oder einem Hafen ankern, je nach Lust und Laune entscheiden – das ist es, was Kathrin Ketzer schätzt: „Die Zeit im Sommer mit den Kindern auf dem Wasser, in das sie direkt hineinspringen können, ist einfach unbezahlbar“, beschreibt die Weingut-Chefin ihr Familienglück auf der Old Lady. „Wenn’s dir irgendwo nicht passt, fährst du einfach weiter. Und wenn du deine Ruhe willst, fährst du in die Aue, schmeißt den Anker, badest und fährst wieder heim.“ Die Mariannenaue im Rhein zwischen Erbach und Eltville ist ein Natur-Idyll von echten und aufgeschütteten Inseln auf fünf Kilometern Länge und bis zu 560 Metern Breite, unzählige lauschige Badestellen liegen hier nur wenige Minuten Bootsfahrt vom Hafen entfernt.
Vom Bett in den Rhein
Früh am Morgen tuckert Horst Fluhrer mit seiner Motoryacht Calypso in die Aue, um gemütlich zu frühstücken und sich seiner Zeitungslektüre widmen. Zuvor hat er bereits seine morgendliche Schwimmrunde im glasklaren Wasser des Rüdesheimer Hafenbeckens gedreht – vom Bett quasi in den Rhein, denn wie meistens hat er auf seinem gemütlichen Boot, ein Oldtimer von 1975 mit 10,50 Metern Länge, übernachtet: „Auf dem Wasser schlaf ich einfach am besten.“ Nun wirft er den Anker in der Mariannenaue, kurz drauf gluckert die Kaffeemaschine.

Fluhrer war 57 Jahre lang im Vorstand des Rüdesheimer Yachtclubs und ist heute, mit über 80, so was wie Herz und Seele des pittoresken Rheinhafens, kennte jede Bohle und jeden Baum. Ein Seebär wie aus dem Bilderbuch: Weißer Bart, meerblaue Augen und ein wettergegerbtes, sonnengebräuntes Gesicht, auf dem ein zutiefst zufriedenes Lächeln ruht. Am Rhein in Rüdesheim ist er groß geworden, hier hat er schwimmen gelernt: „Als Schwimmhilfe hatten wir den Stoppesack, eine selbst gemachte Weste aus Weinkorken.“ Der Fluss, sagt er, war sein Spielplatz. Später wurde der Hafen sein Baby.

Keine Schleuse bis New York
Was mit einem kleinen Steg begann, ist heute ein pittoresker Hafen mit 126 Liegeplätzen geworden. Der Rüdesheimer Yachtclub, 1961 gegründet, zählt 350 Mitglieder. Im Sommer übernachten hier bis zu 500 Boote auf ihrer Reise rheinauf oder -abwärts: „Da lernt man jede Menge Leute kennen“, lächelt Fluhrer. Am liebsten genießt er das muntere Treiben an Deck seiner Calypso, die er vor vier Jahren gegen sein letztes Segelboot getauscht hat: „Hier verbringe ich mehr Zeit als an Land. Auf dem Rhein habe ich das tolle Gefühl, dass mir die ganze Welt offensteht.“ Er strahlt übers ganze Gesicht und zeigt rheinabwärts, vorbei an der malerischen Burgruine Ehrenfels, die am nordöstlichen Rheinufer am steilen Hang des Rüdesheimer Berges thront: „Ohne eine Schleuse könnte ich hier losfahren und in New York von Bord gehen.“

Bibi Island
Seit einem Jahr hat Fluhrers Tochter Birgit den Clubvorstand inne. Mit ihrer Schwester wurde sie quasi auf dem Rhein groß: „Als Kinder waren wir nie im Schwimmbad. Wir haben im Rhein gebadet und auf den Inseln im Sand gespielt, wie jetzt auch die Enkel.“ Birgit Fluhrer lacht und zeigt beim Vorüberfahren auf eine kleine Rheininsel mit Gräsern, Bäumen und weißem Sandstrand, auf dem ein Graureiher auf der Suche nach Futter anmutig umherstolziert: „Die da heißt bei uns nur Bibi Island, weil ich dort als junges Mädchen so oft gegrillt, gebadet und mich gesonnt habe. Bibi ist mein Spitzname.“ Das waren freilich noch andere Zeiten – aus Naturschutzgründen ist das Betreten der Inseln heute verboten.
„Als Kinder waren wir nie im Schwimmbad. Wir haben im Rhein gebadet und auf den Inseln im Sand gespielt, wie jetzt auch die Enkel.“ – Birgit Fluhrer, Vorstandsvorsitzende Rüdesheimer Yacht Club
Das gemütliche Clubschiff des RYC, ein ausrangiertes Küstenmotorschiff, wurde 1981 von der Ostsee nach Rüdesheim überführt und ist seitdem geselliger Treffpunkt für Vereinsmitglieder und Gäste, Events und Feiern. Jedes Wochenende ist im Turnus ein anderes Clubmitglied für die Bewirtung zuständig und wirbelt in der kleinen Kombüse. Dass Birgit Fluhrer während einer Winzer-Weinprobe an Deck den staunenden Boots-Laien die wichtigsten Seemannsknoten wie Palstek oder Doppelter mühelos vorführt und humorvoll erklärt, ist nur einer von ganz vielen, äußerst charmanten Hafenmomenten.
Der Charme des Hafens
Den Charme des Rüdesheimer Hafens weiß auch Architektin Petra zu schätzen. Und liebt es dabei rasant. Ihr Sportboot der norwegischen Marke Windy ist Baujahr 1996 und mit seinen 7,50 Metern eher klein, hat mit 274 PS aber ordentlich Wumms. Den braucht die Bootsbesitzerin auch, wenn sie mit ihren Söhnen Lasse und Finn auf Wakeboard und Wasserski übern Rhein rauscht. „Wir haben lange nach einem passenden Boot gesucht“, sagt sie. „Unsere Windy ist vom Design her ein bisschen Old School, hat einen Touch von James Bond. Das gefällt mir sehr.“ Die Jungs lieben vor allem auch den tiefen, satten und ursprünglichen Sound des V8-Motors, der Liebhabern angenehm in den Ohren klingelt.

Sonnenbad an Bord
Laute und schrill röhrende Motorboote gelten am hessischen Rhein eher als proletenhaft und sind nicht gerne gesehen. Dieser schmucke Achtzylinder aber blubbert mit Stil. „Wir genießen die nette Gemeinschaft hier, sonnen uns oder picknicken an Bord. Wir können aber jederzeit losfahren, um ganz privat zu sein. Das ist für uns Freiheit“, erklärt Petra, die oft nach der Arbeit mit Fahrrad und Kühlbox herkommt.
Ihr Mann Klaus hatte im Gegensatz zu ihr und den Jungs übrigens nie groß Interesse, den Bootsführerschein zu machen. Die Windy, das ist ganz allein das Ding seiner Frau, die sich bei vielen gemeinsamen Urlauben in Kroatien auf Mietyachten ins Motorbootfeeling verliebt und sich ihren Traum vom eigenen Boot nun endlich erfüllt hat: „Klaus fährt aber sehr gerne mit und genießt.“ Petra lacht: „Dieses Boot ist so viel mehr als ein Hobby. Dieses Boot ist Liebe.“

Schillernde Beyoncé
Golden funkelt das Bootchen in der Sonne, fällt im Schiersteiner Hafen sofort auf: Das anmutige Sportboot der US-Marke VIP, 6 Meter lang, Baujahr 1985, liegt leicht divenhaft am Steg und verströmt dabei sexy Retrocharme. Sein Kosename: Beyoncé. Der steht zwar nicht drauf, könnte aber passender nicht sein. Die stolzen Besitzer, Deborah und Florian aus Wiesbaden, haben sich den schnittigen Offshorer vor drei Jahren zugelegt, „als Corona losging und man weder ins Freibad noch in den Urlaub fahren konnte. Ein kleines, feines Boot, mit dem man einfach ein bisschen Spaß haben kann“, sagt Debbie.

„Wir haben sie im Internet gefunden und uns schockverliebt. Sie passt zu uns, weil sie originell ist, bunt und auffällig“, lächelt Deborah. Von ihrem Boot sprechen beide prinzipiell nur in der weiblichen Person – wie von einer liebenswerten, leicht überkandidelten Freundin. Und irgendwie passen die drei auch perfekt zusammen – wie sie da übern Rhein düsen, eine prächtige Gischt-Fontäne hinter sich, Debbie im Fahrtwind mit buntem Kopftuch, Flo mit offenem Hemd, und Beyoncé ihre hübsche Nase, pardon, ihren Bug, elegant aus dem Wasser hebt: Mehr Bella Figura und Lebenslust geht nicht.
Ihr Weg zum Sportbootführerschein (SBF Binnen und See)
Voraussetzungen
Für Freizeitboote ab 15 PS braucht man in Deutschland einen SBF. Das Mindestalter ist 16 Jahre, die Prüfung ist drei Monate vorm 16. Geburtstag möglich, der Führerschein wird dann am 16. Geburtstag ausgehändigt. Erwachsene brauchen einen Kfz-Führerschein oder ersatzweise ein polizeiliches Führungszeugnis. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Wie lange dauert der SBF?
Man unterscheidet zwischen dem Sportbootführerschein See und dem Sportbootführerschein Binnen. Der SBF Binnen ist in 8 bis 10 Stunden zu schaffen. Die Aquafun Bootsschule Bad Vilbel etwa bietet dazu ein Tagesseminar mit Übungsabend an. Der SBF See ist umfangreicher, in Kombination empfiehlt es sich, erst den SBF Binnen zu absolvieren, weil die Lernmodule aufeinander aufbauen.
Online oder vor Ort?
Zahlreiche Bootsschulen bieten Onlinekurse inklusive Kursmaterialien, Lernvideos und Prüfungssimulator an. Ohne Praxis geht es allerdings nicht. Bei allen Bootsschulen in der Region, ob an Rhein, Main oder den Seen, gibt es Unterricht und Training in Kleingruppen sowie auch Privatstunden.
Wie läuft die Prüfung?
Die Prüfung zum SBF besteht für alle Antriebsarten aus einer schriftlichen theoretischen und einer praktischen Prüfung und wird von einer Prüfungskommission des Deutschen Motoryachtverbandes (DMYV) abgenommen.
Wo kann ich mich zum SBF anmelden?
Unter sportbootschulen.de finden Sie eine Liste aller Sportbootschulen in Deutschland, in Rhein-Main empfehlen wir ► www.aquafun.de.
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