Seit Jahresbeginn leitet Dr. Mirjam Wenzel das Jüdische Museum Frankfurt. Die Literaturwissenschaftlerin kam von der Spree, doch ihre Wurzeln liegen in Frankfurt und im Taunus. Derzeit sind ihre Museen spannende Baustellen mit der Chance auf einen zukunftsweisenden Neustart.

Im Gespräch mit Top Magazin Frankfurt erzählt die Direktorin sehr persönlich über den Reichtum der Erinnerung, Neid und warum sie auf das Internet setzt.

Vor einigen Tagen hat Mirjam Wenzel eine gute Freundin, ja Vertraute, verloren. Sie lässt sich nichts anmerken, ihre Stimme ist präzise und freundlich, getragen von einer warmen Melodie, die augenblicklich einnimmt. Erst als wir sie nach Menschen fragen, die sie gestärkt haben, spricht sie über die frühere Berliner Kultursenatorin und Bundestagsabgeordnete Anke Martiny, die kurz nach Wenzels Dienstantritt in Frankfurt 76-jährig verstarb.

„Sie war eine meiner ersten Mentorinnen und ich habe auch für sie gearbeitet. Anke Martiny wurde 1972 in den Bundestag gewählt, in einer Zeit als der Frauenanteil dort rund fünf Prozent betrug. Ihr Weg beeindruckt mich. Zuletzt schrieb sie ihre Autobiografie, die ich gerade wieder lese. Der Titel ist ein starkes Credo: ‚… und vor allem muss man jederzeit als voller Mensch leben‘.“

Wo Heimat ist

Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt
Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt

Jetzt also wieder Frankfurt, nach Jahren in Berlin, wo sie an der Freien Universität studierte und zuletzt in der Medienabteilung des Jüdischen Museums arbeitete. Für die 43-Jährige eine Heimkehr, das Hessische ist ihr vertraut: „Ich bin im Nordwest Krankenhaus geboren, die ersten fünf Jahre lebten wir in Kronberg, später in Usingen, wo ich auch zur Schule ging. Ich bin also auf dem Land aufgewachsen. Frankfurt war für mich die große Stadt, wo mein Vater als Richter am Oberlandesgericht arbeitete, und wohin wir zum Einkaufen und ins Theater fuhren.“

Nachdem sie vor einigen Wochen mit ihrer Familie ins Frankfurter Westend zog, wurden vielerorts Erinnerungen lebendig. „Den Paternoster im Gericht, mit dem ich als Kind gern fuhr, gibt es noch“, freut sie sich. Neues begeistert sie ebenso, „auch das Bahnhofsviertel hat sich stark verändert, das Restaurant ‚Maxie Eisen‘ ist ein netter Ort.“ Im Alltag gehe sie lieber essen, „ich koche gern, wenn ich Zeit habe, und dann eher vegetarisch orientiert“, sagt sie.

Digitales Museum

Zeit hat Mirjam Wenzel wenig. Wenn ihr Sohn in der Kita ist, reiht sich im neuen Job Termin an Termin – im Dezember erfolgte der Spatenstich für den mehr als 50 Millionen Euro teuren Neubau des Jüdischen Museums und die neu gestaltete Dependance Museum Judengasse am Börneplatz ist seit Ende März geöffnet. Beide Standorte sollen in Zukunft ein einzigartiges Zentrum für jüdische Kultur in Geschichte und Gegenwart werden. „Wir wollen die Vielfalt jüdischen Lebens auf visuelle, emotionale und kognitive Art erfahren machen und Gemeinsamkeiten wie auch Differenzen mit anderen Kulturen thematisieren“, erläutert die Direktorin das Vorhaben.

Im Spätsommer werde ein temporäres Pop Up-Museum einen Blick in die neue Dauerausstellung ermöglichen, begleitet von den ersten Vorboten des „digitalen Museums“, mit dem Mirjam Wenzel die Aufmerksamkeit von immer neuen Bevölkerungsgruppen auf das Haus ziehen will.

Konkret formuliert sie: „Das Internet ist der größte Wissensspeicher aller Zeiten und Leitmedium eines allumfassenden gesellschaftlichen Wandels. Die Relevanz von Museen wird in Zukunft auch davon abhängen, wie sie mit der Herausforderung dieses Wandels für ihre Arbeit, ihre Beziehung zu den Besuchern und den Dingen umgehen. Mit dem Aufbau eines vernetzten digitalen Museums suchen wir den kommunikativen Austausch via Social Media und bieten einen Online-Zugang zur Sammlung. Andere erfolgreiche Museen, wie das Städel Museum, haben bewiesen, dass sich ihr digitales Museum positiv auf die Besucherzahlen im Haus auswirkt.“

Frischer Wind

Mirjam Wenzel steht für eine digitalaffine Generation als Impulsgeber. Frischer Wind, der auch Gegenwind spürte. Als die Kollegen am Jüdischen Museum Berlin erfuhren, dass sie die Nachfolge des Schweizer Historikers Raphael Gross übernimmt, erreichten sie nicht nur Glückwünsche, gibt sie offen zu. „Da war auch Neid, doch letztlich mehr Anerkennung. Nach acht Jahren in leitender Funktion, fokussiert auf die Vermittlung von jüdischer Geschichte und Kultur in digitalen und gedruckten Medien, bieten sich mir mit der Leitung des Jüdischen Museum Frankfurts ganz andere und bedeutend umfassendere Gestaltungsmöglichkeiten.“

„Als Kind fand ich Sophie Scholl und später Hannah Szenes ganz toll. Nach ihr war auch der Kibbuz in Israel benannt, in dem ich nach der Schule gearbeitet habe.“

Die Herausforderungen hat die Direktorin klar vor Augen, und als sie mit uns über diese in den Ruinen der Judengasse spricht, sind diese ganz greifbar. „Wir haben viele Objekte, die nicht selbsterklärend sind. Und unzählige erzählen nicht nur eine, sondern gleich mehrere, sehr persönliche Geschichten.

Da sind etwa die Briefe, die Frankfurter Juden mit in die Emigration nahmen und über Jahre verwahrten, bis die Nachfahren sich schließlich entschieden, sie dem Museum anzuvertrauen. Wir sammeln diese Geschichten ein, erzählen sie und entwickeln die richtigen Formen für sie. Zugleich stehen wir vor der Aufgabe, den Zugang zu diesen Geschichten kommunikativ zu gestalten und unseren Besuchern nicht nur die eine auktoriale Erzählperspektive zu präsentieren.“

Wurzeln und Flügel

„Als Kind fand ich Sophie Scholl und später Hannah Szenes ganz toll. Nach ihr war auch der Kibbuz in Israel benannt, in dem ich nach der Schule gearbeitet habe.“ Liebevolles hat sie für die Eltern: „Mein 2009 verstorbener Vater spielte schon früh eine große Rolle in meinem Leben“, erinnert sich die Jüdin und bezeichnet sich selbst als „Vater-Tochter“. „Meine Mutter freut sich, dass ich nun in Frankfurt lebe, in der Stadt, wo sie einst Lehramt studierte.“

Wir fragen Mirjam Wenzel, was sie ihrem Sohn mitgibt, jene von Goethe gelobten Wurzeln und Flügel. „Mein Mann und ich gehen relativ offen auf Menschen zu. Wir achten darauf, dass unser Sohn teilen lernt und Empathie entwickelt. Das hat sicher mit meinem Beruf zu tun, denn Museen sind Orte, an denen man etwas teilt. Und auch das Teilen von Geschichten dort hat mit Teilnahme und Mitgefühl zu tun.“